Seit der Übernahme von VMware durch Broadcom Ende 2023 ist das Thema Virtualisierung für viele Mittelständler von einer technischen zu einer wirtschaftlichen Frage geworden. Die Lizenzmodelle wurden umgebaut, das Portfolio radikal gestrafft, und für einen Teil der Kunden sind die Kosten deutlich gestiegen. Die naheliegende Reaktion – „dann wechseln wir eben auf Proxmox“ – ist manchmal richtig und manchmal voreilig. Dieser Beitrag ordnet die tatsächliche Lizenzlage ein und beschreibt, wann eine Migration trägt und wann VMware die vernünftigere Entscheidung bleibt.
Was sich unter Broadcom tatsächlich geändert hat
Drei Änderungen sind belegt und für die Kostenrechnung relevant.
Nur noch Subscription. Broadcom hat den Verkauf unbefristeter (perpetual) Lizenzen für Neukäufe eingestellt. Vorhandene Perpetual-Lizenzen bleiben innerhalb ihrer Support-Laufzeit gültig, neu erworben wird ausschließlich im Abo-Modell mit jährlicher Verlängerung. Wer bislang einmal kaufte und über Jahre nutzte, wechselt damit in eine laufende Kostenposition.
Radikale Portfolio-Straffung. Aus mehreren tausend Artikelnummern wurden wenige Bündel: VMware Cloud Foundation (VCF) als vollständiger Stack, vSphere Foundation (VVF) als Kern mit Betriebswerkzeugen, dazu vSphere Standard und vSphere Enterprise Plus in kleineren Zuschnitten sowie ergänzende Add-ons wie vSAN oder Live Recovery. Für Umgebungen, die früher gezielt einzelne Komponenten lizenziert haben, bedeutet Bündelung häufig, dass Funktionen mitbezahlt werden, die nicht genutzt werden.
Kern-basierte Lizenzierung mit Mindestmengen. Lizenziert wird pro CPU-Kern, mit einem Minimum von 16 Kernen je CPU. Ein Anfang 2025 über Distributoren kommunizierter Plan, das Minimum auf 72 Kerne je Bestellung anzuheben, wurde nach deutlichem Widerspruch aus dem Markt zum vorgesehenen Stichtag (10. April 2025) zurückgezogen; es gilt weiterhin das 16-Kern-Minimum je CPU. Hinzu kommt: Für verspätete Verlängerungen nach dem Ablaufdatum sieht Broadcom eine Aufschlagsregelung vor, eine großzügige Kulanzfrist gibt es nicht. Termintreue bei der Renewal wird damit selbst zum Kostenfaktor.
Wie stark die Kosten im Einzelfall steigen, hängt von Ausgangslizenz, Kernzahl und gewähltem Bündel ab; pauschale Prozentzahlen aus der Fachpresse schwanken stark und taugen nicht als Planungsgröße. Belastbar ist nur die Rechnung an Ihrer konkreten Umgebung. Wer sie aufstellt, sieht schnell, wo der Schmerz sitzt: bei kleinen Clustern mit wenigen, gut ausgelasteten Hosts, bei denen Mindestmengen und Bündelung besonders ungünstig wirken.
Zusätzlich: das Partnerprogramm
Über die reine Lizenz hinaus hat Broadcom auch die Vertriebs- und Providerlandschaft umgebaut. Das bisherige Programm für Cloud Service Provider (VCSP) samt White-Label-Modell wurde Ende Oktober 2025 beendet und durch ein Programm ersetzt, an dem Partner nur noch auf Einladung teilnehmen. Für Unternehmen heißt das mittelbar: Der gewohnte lokale Ansprechpartner oder gehostete VMware-Dienst kann wegfallen, und die Zahl der Bezugswege verengt sich. Das ist kein technisches Argument gegen VMware, aber ein Faktor in der Beschaffungs- und Betriebsplanung.
Proxmox VE als Alternative – und was es leistet
Proxmox VE ist eine quelloffene Virtualisierungsplattform auf Basis von KVM und LXC, mit Weboberfläche, Clustering, Hochverfügbarkeit und – über Proxmox Backup Server – integrierter Sicherung. Die Software selbst ist kostenlos; kostenpflichtig ist die Subscription, die Zugang zum stabilen Enterprise-Repository und Herstellersupport bietet. Der wirtschaftliche Unterschied zu VMware liegt weniger im „kostenlos gegen teuer“, sondern im Zuschnitt: Die Proxmox-Subscription wird pro CPU-Sockel berechnet, ohne Kern-Mindestmengen und ohne die Bündelung nicht benötigter Funktionen.
Für einen erheblichen Teil mittelständischer Umgebungen – klassische Server-Virtualisierung, überschaubare Cluster, Standard-Workloads – deckt Proxmox VE funktional ab, was tatsächlich gebraucht wird. Genau hier ist ein Wechsel eine ernsthafte Option, und deshalb ist die Lizenzkostenentwicklung bei VMware für viele Häuser der Anlass, Alternativen überhaupt zu prüfen.
Wann ein Wechsel trägt – und wann VMware bleiben sollte
Die ehrliche Antwort lautet: Es kommt auf die Umgebung an. Ein Wechsel auf Proxmox VE ist meist dann tragfähig, wenn
- die Workloads Standard sind und keine VMware-spezifischen Funktionen tief verankert sind,
- die Cluster überschaubar sind und die neuen Mindestmengen und Bündel besonders ungünstig treffen,
- keine harte Abhängigkeit von Drittprodukten besteht, die ausschließlich für vSphere zertifiziert oder unterstützt sind,
- und das Team bereit ist, Betriebsroutinen auf eine neue Plattform umzustellen.
Umgekehrt gibt es gute Gründe, bei VMware zu bleiben. Wer NSX-Mikrosegmentierung, vSAN in Produktion, ausgereiftes DRS oder ein eng verzahntes Ökosystem aus Backup-, Monitoring- und Security-Produkten betreibt, die für vSphere zertifiziert sind, verlagert bei einem Wechsel Aufwand und Risiko, statt sie zu senken. Auch Software-Hersteller, die Support nur auf vSphere zusagen, binden faktisch an die Plattform. Und schließlich ist die reine Lizenzsumme nur ein Teil der Rechnung: Migrationsaufwand, Schulung, angepasste Betriebsprozesse und der Umbau von Automatisierung gehören dazu. In manchen Fällen bleibt VMware nach vollständiger Betrachtung schlicht die wirtschaftlichere Wahl – vor allem dort, wo noch gültige Perpetual-Lizenzen laufen und Zeit für eine geordnete Entscheidung verschaffen.
Deshalb steht am Anfang keine Produktempfehlung, sondern eine Bestandsaufnahme: welche Funktionen wirklich im Einsatz sind, welche Abhängigkeiten bestehen und was die jeweilige Option über die Vertragslaufzeit tatsächlich kostet – Lizenz und Betrieb zusammen.
Migration ohne Betriebsunterbrechung
Wird die Entscheidung für Proxmox VE getroffen, entscheidet das Vorgehen über das Risiko. Bewährt hat sich die schrittweise Migration im laufenden Betrieb statt eines Stichtagswechsels:
- Zielumgebung parallel aufbauen. Der Proxmox-Cluster wird neben der bestehenden vSphere-Umgebung errichtet und vollständig getestet, bevor eine einzige produktive VM umzieht.
- In Wellen umziehen. Virtuelle Maschinen werden gruppenweise migriert – unkritische zuerst, geschäftskritische zuletzt, jede mit definiertem Wartungsfenster. Proxmox VE bringt Werkzeuge zum Import von VMware-VMs mit; entscheidend sind die anschließende Anpassung von Treibern, Gasttreiber-Integration und Netzkonfiguration.
- Rückweg vor jedem Schritt testen. Vor jeder Welle steht ein getesteter Rollback: Die Quell-VM bleibt intakt und abschaltbar vorgehalten, bis die migrierte Instanz stabil verifiziert ist. So bleibt jede einzelne Umstellung reversibel.
- Backup zuerst. Vor der Migration steht eine geprüfte, wiederherstellbare Sicherung – nicht als Formalie, sondern als belastbarer Rückfall, falls eine Welle nicht wie erwartet läuft.
Der wunde Punkt fast jeder Migration sind nicht die VMs selbst, sondern die Peripherie: Backup-Anbindung, Monitoring, Automatisierung und die Frage, ob eingesetzte Drittsoftware auf Proxmox unterstützt wird. Diese Abhängigkeiten gehören vor die erste Migrationswelle geklärt, nicht mitten hinein.
Wie sector7 unterstützt
Wir planen, migrieren und betreiben Virtualisierungsumgebungen auf VMware und Proxmox VE – herstellernah, aber nicht herstellerhörig. Als Proxmox-Reseller liefern wir auch die Subscriptions, und als zertifiziertes Engineering-Haus (Juniper, Cisco, HPE, F5, Fortinet, Palo Alto Networks) mit eigenem Serverpark in Deutschland kennen wir beide Plattformen aus dem laufenden Betrieb, nicht nur aus dem Datenblatt. Am Anfang steht die nüchterne Bewertung, ob ein Wechsel für Ihre Umgebung überhaupt trägt – inklusive einer ehrlichen Kostenrechnung über die Vertragslaufzeit und einer Einordnung Ihrer Lizenz- und Beschaffungssituation. Fällt die Entscheidung für eine Migration, führen wir sie schrittweise, im laufenden Betrieb und mit getesteten Rückwegen durch; den anschließenden Betrieb überwacht unser NOC rund um die Uhr, auf Wunsch zu planbaren monatlichen Pauschalen.
Quellen
- https://www.schneider.im/vmware-by-broadcom-portfolio-simplification-and-transition-to-subscription/
- https://www.starwindsoftware.com/blog/vmware-licensing-changes/
- https://www.speediyo.com/vmware-migration-readiness/vmware-72-core-minimum
- https://www.civo.com/blog/vmware-partner-program-overhaul-2025
- https://www.techzine.eu/news/infrastructure/133131/broadcom-ends-vmware-partner-program/
- https://www.proxmox.com/en/products/proxmox-virtual-environment/pricing